Pop: Die war doch mal Göttin

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Wo sie wohl dauerhaft hinwill? Jillian Banks.

(Foto: Universal)

Hip war sie auch. Und hier und jetzt und Avantgarde. Warum klingt Jillian Banks‘ zweites Album schon fast wie ein ödes Plastikprodukt?

Es geht im Pop immer auch um den richtigen Moment. Die kalifornische Musikerin Jillian Banks war im Frühjahr 2013 dermaßen da und jetzt und hip, wie man es nur sein kann. Belege für diesen Umstand gab es – abgesehen von massenhaft geklickten, hochästhetisierten Videos – zunächst wenige, aber man hat es „irgendwie so gespürt“. Weswegen bereits vor Erscheinen zweier EPs die Blogs und Magazine vollgeschrieben wurden. Interviews gab Banks selten, sie wirkte mystisch und unnahbar – es war perfekt! Das konsequenterweise „Goddess“ betitelte Debüt kam dann erst im September 2014, also eine gefühlte Ewigkeit später. Dass mit Banks, wie sich die Sängerin kurz nennt, weiterhin zu rechnen wäre, war allerdings auch klar.

Beim Hören des zweiten Banks-Albums „The Altar“ (Universal) fällt nun eines sofort auf: Für die Popmusik wäre es nicht das schlechteste, wenn sich demnächst auch mal wieder jemand einen anderen Sound einfallen lassen würde. Das Konzept Post-R&B hat sich überholt. Was vor drei Jahren State of the Art war, wirkt inzwischen beinahe pflichtschuldig. Damals kamen die tiefen Bässe, das abgründige Wabern und der Minimalismus ihrer distanziert-unterkühlten, elektronisch grundierten Popmusik mit konfessionellen Texten maximal entgegen. Banks war deep, aber für die ganz große Bühne zu kunstbewandert und introvertiert, das verband sie mit FKA twigs, James Blake und ähnlichen Künstlerinnen und Künstlern. Nun wirkt sie zwar immer noch nicht wie ein durchperfektionierter Mainstream-Popstar alter Prägung, aber der Einsatz der Produktionsmittel folgt nicht zwingend einer durch die Komposition vorgegebenen Dramaturgie. Teile des Albums wirken wie ausgefüllte Stanzen.

Aufgenommen hat sie „The Altar“ erneut mit Tim Anderson, Al Shux und Sohn. In ihren guten Momenten ist die so zustande gekommene Musik verhalten angespannt. Das gilt für „Gemini Feed“ und „Fuck With Myself“, letzterer mit dem Selbtvergewisserungsclaim „so I fuck with myself more than anybody else“. Es steht Banks gut, den mitunter poesiealbumhaften Stil ihrer Texte mit Humor und Selbstironie zu kontern. Auch „Weaker Girl“ ist als Referenz an den R&B der späten Neunziger gelungen und ein klarer Hit.

An anderer Stelle schimmert die Erfolgsabsicht zu deutlich durch, etwa bei „Mind Games“. Und der brünftige Hochleistungsgesang in „Mother“ steht Leuten wie Beyoncé weitaus besser, auch wenn Banks das technisch beherrscht. Das gerappte „Trainwreck“ ist dann von durchschnittlichen US-Chart-Produktionen nicht mehr zu unterscheiden.

Insgesamt wird „The Altar“ besonders in der zweiten Hälfte belanglos und austauschbar. Immer noch ist Jillian Banks eine souveräne Künstlerin, die jeden Aspekts ihres Auftritts choreographiert, bei der Performance, Musik und Style eine Symbiose eingehen. Vom Plastikpop einer Britney Spears ist sie noch ein ganzes Stück entfernt. Sie wird sich nur entscheiden müssen, wo sie dauerhaft hinwill. Denn eins ist klar: konventionell können andere besser als sie.

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