Wie ich meinen unperfekten Körper lieben lernte

Mein Blick, wie so oft etwas zu kritisch, die Augenbrauen zusammengezogen wie die eines meckernden Erwachsenen mustert die dreißig jährige Frau mit den dunkelbraunen Haaren und den vollen Lippen sehr genau im Badezimmerspiegel.

Es ist vom Duschen ganz beschlagen, man erahnt nur den Körper, aber sieht genug, um zu wissen, dass es sich hier um „schiefe Angelegenheiten“ handelt. Die Beleuchtung ist schlecht.

Ein paar herausgefallene Haare kitzeln meine rechte Schulter, aber ich bin zu faul meine Arme von den Armlehnen des Duschstuhls zu heben, um sie wegzumachen. Ich versuche mir das Jucken wegzudenken und blicke nach unten zu meinen Füßen, die vom Duschen ganz schrumpelig geworden sind.

2017-07-03-1499070569-9283842-Anastasia1.jpg

Meine Füße sind seltsam, weil sie durch den wenigen Gebrauch wie die eines Neugeborenen aussehen, durch das permanente Sitzen anschwellen und ich deshalb seit einigen Jahren keine offenen Schuhe mehr tragen mag.

Meine Zehen mag ich noch weniger, aber dafür gibt es keinen speziellen Grund. Manchmal ist es einfach so, man mag etwas an sich nicht und fertig.

„Besser wird’s nicht

Ich mag übrigens generell keine Füße – egal ob männliche oder weibliche. Meine nicht, fremde nicht. Es gibt wenig Körperteile und – formen, die ich dermaßen unattraktiv finde, wie die Füße.

Ein undefiniertes, plattes und seltsam geformtes Körperteil mit fünf unterschiedlichen kleinen Stümpfen. Schrumpelig, manchmal mit Hornhaut, manchmal behaart, trockene Haut, schwitzend, stinkend…

Von den Nägeln ganz zu schweigen! Ganz schlimm wird’s, wenn der mittlere Zeh wie das schwarze Schaf einer Familie, wie eins von fünf Kindern, das die Kontrolle über sein Leben verloren hat, hervorsticht und keiner so recht weiß: „Was soll das eigentlich, Natur?!“

Die tiefe Abneigung gegenüber der Füße hatte ich schon immer, soweit ich mich erinnern kann. Das Geräusch, wenn jemand barfuß auf dem PVC-Boden läuft, ist für mich grausam!

„Besser wird’s nicht“, nuschle ich leise Richtung Boden und nehme mir vor, den Blickkontakt zu den unteren Körperteilen die nächste Zeit zu meiden.

Da helfen nur Socken.

Schwarze Socken.

Um nicht unnötig Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

An diesem Körper ist nichts so, wie es sein sollte

Mein kritischer Blick wandert wieder hoch. Die Frau im Spiegel starrt mit schlecht abgeschminkten grünen Augen zurück und verzieht dabei keine Miene. Sie schaut streng, beinahe böse und ich kann es ihr nicht einmal verübeln.

Ich kann ihren Schmerz über das Erlebte nachempfinden und hab ein bisschen Mitleid. Ihre Schultern sind zierlich, der Hals sehr schmal und der Busen so klein, als wäre er nie so richtig zum Wachsen gekommen. Ihre Haut ist hell und makellos, geschmückt von ein paar Leberflecken.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

An diesem Körper ist eigentlich nichts so, wie es sein sollte. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, entspricht dem Schönheitsideal der heutigen Zeit. Er passt in keine von der Industrie vorgegebene Konfektionsgröße, als wäre er ständig zu dick, zu klein, zu blass oder, nun ja, eben „zu behindert“.

Mein Selbstbewusstsein war recht lange sehr stabil. Ich glaube, das liegt daran, dass mir lange gar nicht bewusst war, dass ich überhaupt eine sichtbare Behinderung habe. Wie denn auch?

Meine Familie, insbesondere meine Großeltern, haben mich mit Liebe und Stolz überschüttet. Das Gefühl, sich „hässlich“ zu fühlen, war mir fremd.

„Wir spielen nicht mit einer Behinderten“

Erst als ich etwas älter wurde, in die Pubertät kam und eigentlich wegen ganz normaler Teenie-Problematiken (Akne, zu kleine Brüste, erster Schwarm, der mich einfach nicht küssen wollte) kurz aus dem inneren Gleichgewicht geriet, fingen die Hänseleien und fiesen Bemerkungen gegen mein Äußeres an:

„Warum ist dein Kopf so groß und dein Hals so lang?“

„Warum sind deine Arme und Beine so dünn, und dein Bauch so dick?“

„Warum sitzt du so komisch?“

„Iih, wir spielen nicht mit einer Behinderten!“

Zu dem Zeitpunkt, etwa zwischen elf und sechzehn Jahren, war ich selbst noch ein Kind und fühlte mich weder behindert, noch anders und schon gar nicht hässlich. Erst langsam verstand ich nach und nach, dass es an meiner Behinderung liegen muss, dass ich nicht so aussehen kann wie die Mädchen in der Bravo-Girl und somit nicht „normal“ und attraktiv sein kann.

Mehr zum Thema: Ein Liebesbrief an meine Depression: Danke, dass du in mein Leben getreten bist

Manchmal fühlt es sich so an, als wäre mein Körper bei der Vergabe von den Körperteilen eine Resteverwertung gewesen. Gott, oder wer auch immer da zuständig ist, rief dann zu seinem Helfer:

„Haben wir noch einen linken Arm übrig? Und zwei Füße bräuchte ich auch noch!“

„Gehen auch zwei dicke Füße mit krummen Zehen und ein etwas deformierter Arm?“, rief dann der Helfer aus dem Keller hoch, wo die Körperteile gelagert werden.

„Jo.“, sagte Gott trocken, während er die Körperteile dran klatschte. So stelle ich es mir vor, wie ich an meinen Körper gekommen bin.

2017-07-03-1499070641-6226031-Anastasia2.jpg

Ich bin mir sicher, dass wir nicht mit Minderwertigkeitskomplexen geboren werden

Ich weiß nicht wie mein Körper ohne der Muskelerkrankung, die große Auswirkung auf die Körperformen hat, aussehen würde. Wahrscheinlich wären meine Brüste größer (davon gehe ich sogar stark aus!), mein Bauch flacher – zu mindestens bis zu meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag – und man könnte endlich meinen Hintern sehen, der durchaus mehr Beachtung verdient hätte.

Die kleine Frau im Spiegel schaut ihre Brüste an und berührt die linke Brust mit dem rechten Zeigefinger.

„Ach, eigentlich recht schön.“, denke ich. „Schöne Nippel jedenfalls.“

Aus einer der Haarsträhnen fallen große Wassertropfen auf ihren dicken Bauch, aber das scheint sie nicht zu stören. Ich lächle die Frau an, sie ignoriert mich.

Ich frage mich, wann der Moment im Leben eines jungen Mädchens kommt, ein sogenannter Aha-Moment, der alles verändert, der uns für immer zerstört. Wer ist der Mensch, der die Zweifel und Unsicherheiten in uns schürt, den letzten Tropfen in das sowieso schon volle Fass gibt und das positive Gefühl für unseren Körper erst gar nicht entstehen lässt?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass wir nicht mit den Minderwertigkeitskomplexen und Ängsten geboren werden.

Ich hasste meinen Körper

Mit etwa fünfzehn Jahren hasste ich mich und meinen Körper, ich fühlte mich unheimlich hässlich. Beinahe jeden Abend weinte ich um mich, meinen ungeliebten, nicht perfekten Körper und mein Leben, das definitiv nie so sein wird wie bei den Mädchen, über die die Medien berichteten.

Während sie Tipps bekamen, wie sie ihren Schwarm um den Finger wickeln können und wenn es dann soweit ist, wie sie verhüten sollten, befasste ich mich damit, wer mich überhaupt jemals begehren würde und könnte.

Wer wird mich schon anziehend finden, wenn ich mich selbst so sehr verabscheue? Wie soll mich jemand lieben, wenn ich mich insgeheim für meinen Körper schäme?

Mehr zum Thema: Just be yourself BeWoman – Du bist schön wie du bist.

„Ich will nicht mehr, dass fremde Menschen meinen Körper so verurteilen, bewerten und meine Daseinsberechtigung hinterfragen. Ich will mich nicht mehr so hassen, mich schämen. Es gibt absolut nichts zu verstecken! Ein Körper, der derartige Empfindungen erleben kann, kann kein Fehler der Natur sein. Schluss mit dem Krieg gegen sich selbst, Schluss mit dem Auspeitschen der eigenen Seele“, dachte ich eines Morgens beim Blick in den Spiegel, während ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr strich.

Selbstbewusstsein ist eine Entscheidung

Ich war jung und, verdammt nochmal, schön.

Selbstbewusstsein ist eine Entscheidung. Und ich habe sie damals, vor fast zehn Jahren, gefällt.
Und ja, es wäre gelogen, es nicht zuzugeben: Ich hatte Menschen, die mir gezeigt haben, dass es sich lohnt, den eigenen Körper zu lieben. Dafür bin ich sehr dankbar!

2017-07-03-1499070847-7287553-Anastasia4.jpg

„Du bist gut wie du bist.“, flüsterte ich leise, es war eine Entschuldigung an meinen Körper. „Du siehst umwerfend aus!“

Die Frau mit dem verformten Körper sitzt auf dem Duschstuhl, während ich die Fußbodenkacheln unter meinen Füßen spüre.

Unsere Blicke treffen sich im Spiegel und für einen kurzen Moment meine ich, sie lächeln zu sehen. Sie ist mir auf Anhieb sympathisch. Wir könnten Freundinnen werden und wer weiß, vielleicht tanzen wir ja mal gemeinsam eine Nacht durch.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.

____
Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.


Source: Huffpost

Kommentar verfassen