Wolfgang Gehrcke: Neh­me weiterhin aktiv am politischen Leben teil

Wolfgang Gehrcke sprach in der Bundestagsdebatte zur Abrüstungspolitik am 29. Juni zum Thema „Sozialstaat oder Rüstungsstand?“. Es war seine letzte Rede im Plenum des Deutschen Bundestages. Gewohnt leidenschaftlich sagte der Abgeordnete der Fraktion Die Linke: „Wollen wir einen Sozialstaat und alles, was wir leisten können, einbringen, um einen Sozialstaat aufzubauen, oder wollen wir einen Rüstungsstaat? Beides zusammen geht nicht. Kanonen und Butter hat es zusammen nie gegeben, man hat sich immer entscheiden müssen.“

Der Applaus seiner Fraktion war ihm sicher – wie immer. Er schloss die Rede mit den Worten: „Ich habe mich gerne gestritten, das wissen Sie. Das ist mein Lebenselixier. Herzlichen Dank dafür. Ich hoffe, dass am Ende eine vernünftige Politik im Interesse unseres Landes und Europas in Form einer weltweiten Friedensbewegung, die wir brauchen, zustande kommt.“ Nun applaudierten auch die Abgeordneten der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, und der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), spendete ebenfalls Beifall.

Der „einzige Kommunist“ im Deutschen Bundestag

Mit dem Berliner Wolfgang Gehrcke verabschiedete sich ein Linkspolitiker aus dem Plenum, der sich als den einzigen Kommunisten im Bundestag bezeichnete und der trotzdem viele kollegiale Kontakte zu Abgeordneten anderer Fraktionen unterhielt. Er wurde wegen seiner ehrlichen Streitkultur geschätzt, denn er wollte nicht einfach nur Recht haben, er wollte überzeugen. Auf seiner Internetseite steht: „Ich schätze den offenen Meinungsstreit.“

Verblüffend hingegen ist folgender Satz, der sich ebenfalls auf der Internetseite von Wolfgang Gehrcke findet: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“ – diese Erkenntnis von Willy Brandt ist die Richtschnur meiner politischen Arbeit in Zeiten der Militarisierung von Außenpolitik. In ihrer Unterschiedlichkeit sind Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Willy Brandt wichtig für die Herausbildung meiner eigenen Positionen.“

Wüsste man es nicht besser, hielte man Wolfgang Gehrcke für einen Sozialdemokraten. Ganz falsch läge man damit nicht, denn der Linkspolitiker war vor 56 Jahren tatsächlich Mitglied der SPD-Jugendorganisation. „Ich war mit 19 Jahren bei den Falken aktiv, wurde aber aus der Partei ausgeschlossen, weil ich über Marx und Engels diskutierte und die Ostermarschbewegung mitbegründet hatte“, sagt Wolfgang Gehrcke.

Kommunismus als die Theorie der Befreiung

Im Jahr des Mauerbaus 1961 hatte Wolfgang Gehrcke seine Verwaltungslehre abgeschlossen und wurde Angestellter bei der Bundesanstalt für Arbeit. Im gleichen Jahr trat er aus voller Überzeugung in die Kommunistische Partei ein, die damals in Westdeutschland verboten war. „Für mich war und ist der Kommunismus eine Theorie der Befreiung. Im Übrigen, was den Glauben angeht, widerspiegelt sich aus der Bergpredigt zum Beispiel die kategorische Friedensforderung, auch im Kommunistischen Manifest. Noch deutlicher formuliert Kar Marx diesen Gedanken in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in der er auffordert, alle Verhältnisse umzuwälzen, in denen der Mensch ein geknechtetes, entrechtetes, unterdrücktes Wesen ist.“

Heute, mit fast 74 Jahren, ist Wolfgang Gehrcke noch immer fest davon überzeugt, dass der Kommunismus eine erstrebenswerte und richtige Gesellschaftsform ist. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte er im September 2016: „Ich bin überzeugt, dass wir eine weltweite Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse brauchen. Das Überleben der Gattung Mensch hängt davon ab, ob wir es hinbekommen, anders zu produzieren, zu verteilen und zu konsumieren.“ Er sei überzeugt, dass der Kapitalismus durch eine Revolution überwunden werden kann und dass er das noch erleben wird. Seine These dazu lautet: Die Revolution wird passieren, aber im Rahmen dessen, was das Grundgesetz erlaubt.

Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze

1968 wurde die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) ins Leben gerufen, Wolfgang Gehrcke war Mitbegründer und wurde später sogar deren Vorsitzender. Seine Ideale Frieden, Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit brachte er aber auch als Mitinitiator von sozialen und demokratischen Bewegungen wie der neueren Friedensbewegung, der Bewegung gegen Notstandsgesetze und der Lehrlings- und Schülerbewegung mit ein. Er engagierte sich für die Zusammenarbeit von Jugendverbänden aus Ost- und Westeuropa, war in der Ostermarschbewegung aktiv und nahm immer wieder an Demonstrationen teil.

Bei den Osterprotesten gegen die Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg und die deutsche Hochschulordnung, in deren Folge es zum Attentat auf Rudi Dutschke kam, war Wolfgang Gehrcke ebenfalls unter den Demonstranten. Er erinnert sich: „Nach dem Tod von Rudi Dutschke kam es zu einer Blockade des Axel-Springer-Verlages. Ich war als Demonstrant vor Ort, wurde verhaftet und anschließend zu fünf Monaten auf Bewährung wegen schweren Landfriedensbruchs verurteilt.“

Gründungsmitglied der DKP

Die Ereignisse des Jahres 1968 beeindruckten Wolfgang Gehrcke offenbar so nachhaltig, dass er neben der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend auch Gründungsmitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) wurde, die am 25. September 1968 in Frankfurt am Main ins Leben gerufen wurde. Die DKP setzte sich zusammen aus Mitgliedern der Kommunistischen Partei Deutschlands sowie der marxistisch beziehungsweise sozialistisch orientierten außerparlamentarischen Opposition der Achtundsechziger-Bewegung, die schnell mehr als 42 000 Mitglieder zählte.

„Zentral für die Hinwendung zum Kommunismus war die antifaschistische Haltung und der Widerstandskampf von Kommunisten gegen die Hitler-Diktatur. Bis heute bin ich der Meinung, dass der Kapitalismus am Ende ist, weil er die Probleme der Menschheit nicht löst“, sagt Gehrcke. Er blieb Jahrzehnte überzeugtes DKP-Mitglied und war bis 1989, Bezirksvorsitzender der DKP Hamburg und Sprecher der „Erneuerungsströmung“.

Nach dem Mauerfall Eintritt in die PDS

Nach dem Mauerfall trat Wolfgang Gehrcke aus der DKP aus und in die neugegründete PDS ein, die als Nachfolgepartei der SED am 4. Februar 1990 gegründet wurde. Dass die DDR nach dem Fall der Mauer nicht mehr lange existieren würde, war Wolfgang Gehrcke schnell klar. „Ich hatte zu Beginn die Hoffnung, dass aus beiden deutschen Staaten ein neues Deutschland entstehen könnte, in dem man vieles, was in der DDR lebenswert war, hätte erhalten, ausbauen und umgestalten können, aber das war ein Irrtum.“ 

Ein Jahr nach seinem Eintritt in die PDS war Wolfgang Gehrcke bereits Bundesgeschäftsführer, und 1993 wurde er zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden unter dem Vorsitz von Lothar Bisky gewählt. Er kandidierte 1998 erstmals für den Deutschen Bundestag, zog über die Landesliste Brandenburg ein und wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender, außenpolitischer Sprecher der Fraktion und war Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. 2002 klappte es mit dem Einzug in den Bundestag nicht, aber Wolfgang Gehrckes politisches Engagement endete nicht, weil er kein Bundestagsmandat hatte. Der Linkspolitiker wurde Mitglied des Parteivorstandes der Linkspartei/PDS sowie Sprecher für Außenpolitik und internationale Zusammenarbeit. Und erneut war er Gründungsmitglied einer Partei – diesmal der Partei der Europäischen Linken.

Für Frieden und die Auflösung der Nato

Wolfgang Gehrcke kandidierte zur vorgezogenen Bundestagswahl im Jahr 2005 erneut – dieses Mal auf der Landesliste Hessen – und war dabei ebenso erfolgreich, wie bei den Bundestagswahlen 2009 und 2013. Noch immer wird der „einzige Kommunist“ im Deutschen Bundestag nicht müde, sich für Frieden, den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und die Auflösung der Nato einzusetzen. Auf der Veranstaltung „Frieden statt Nato“, die Anfang Juni stattfand, sagte der Friedensaktivist: „Die Nato ist ein Fossil aus dem Kalten Krieg und sollte sich auflösen. Sie steht einer friedlichen Entwicklung in Europa entgegen. Ihr Drang nach Osten, ihre Konfrontation mit Russland, die Interessen ihrer Rüstungsindustrie – dass alles macht die Nato nicht nur überflüssig, sondern auch gefährlich“.

Wolfgang Gehrcke hat noch immer die Hoffnung auf eine bessere Welt, in der Berufstätige von ihrem Lohn anständig leben können. Er hat sich zeit seines Lebens für die Menschen eingesetzt und nach immer neuen Möglichkeiten gesucht, mit seiner Partei die Gesellschaft zu verändern. Warum? „Es gibt Kollegen, die haben eine so große öffentliche Ausstrahlung, dass sie als Person Themen setzen können; sie können sich eine Partei leisten, dazu gehören Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. Es gibt aber auch Menschen, die brauchen eine Partei, um die Gesellschaft zu verändern. Zu denen zähle ich mich – mit der Einschränkung: Für mich ist eine Partei nicht Familie, Beichtstuhl und Heimat, sondern mit einer Partei muss man Ziele erreichen können“, erklärt der Politiker sein Engagement für die Ziele der Linkspartei.

Urgestein der Linken verabschiedet sich

Vor der Bundestagwahl 2013 schrieb die Frankfurter Rundschau über den Bundestagskandidaten: „Wolfgang Gehrcke, Linken-Urgestein, Idealist, Revoluzzer, will mit 70 Jahren erneut in den Bundestag einziehen. 2013 war die Kandidatur von Wolfgang Gehrcke erfolgreich, aber 2017 tritt er nicht noch einmal an. Der Marxist, Kommunist und Urgestein der Linken kandidiert nicht erneut zum Bundestag: ,Für mich ist Politik mehr als das Parlament. Ich werde bald 74 Jahre alt sein und denke, jetzt können Jüngere ans Steuer. Ich werde trotzdem weiterhin aktiv am politischen Leben teilnehmen, denn ich bin ja dann nicht plötzlich ein unpolitischer Mensch.’“

Gerade ist sein Buch zu Karl Marx erschienen. Im November jährt sich die Veröffentlichung dessen Hauptwerks „Das Kapital“ zum 150. Mal. Gehrckes Buch enthält Textauszüge und Cartoons von Burghard Hollstein. „Daran hatte ich wirklich viel Freude, denn Bücher sind meine Leidenschaft“, sagt Gehrcke.

Im Café sitzen und in Ruhe und ausgiebig Zeitung lesen

Was wird der Politiker ab Oktober mit seiner vielen freien Zeit anfangen, wenn er nicht mehr täglich in den Bundestag geht?

„Bücher lesen. Es gibt Bücher, die habe ich zehnmal gelesen, weil sie mich so gefesselt haben. Zum Beispiel ,Rot‘ von Uwe Timm und das nicht nur, weil rot die Farbe meiner Überzeugung ist. Wer sich für die Achtundsechziger-Generation interessiert, findet in diesem Buch eine sehr gute Zusammenfassung. Im Moment lese ich das Buch des kubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. Es heißt ,Der Mann, der Hunde liebte‘, und es geht darin um die Geschichte des Trotzki-Mörders Ramón Mercader. Worauf ich mich auf jeden Fall auch freue: Dass ich morgens in aller Ruhe in einem Café sitzen und ausgiebig Zeitung lesen kann, dann werde ich vielleicht Zeitdruck und Termine vermissen.“ (bsl/14.08.2017)


Source: Bundestag

Kommentar verfassen